Arbeits- und Diskussionsblog



„Jeder Mensch hat das Recht zwischen einer Vielfalt von gleichwertigen Lebens- und Beziehungsmodellen frei und eigenverantwortlich für sich wählen zu können.
Aus dieser Wahl dürfen weder ihm noch einem anderen Menschen gravierende psychische, soziale, gesellschaftliche, wirtschaftliche oder sonstige Vor- oder Nachteile entstehen."




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Narben

"Unsere Narben haben die Angewohnheit uns daran zu erinnern, dass die Vergangenheit Realität war!" (Hannibal Lecter)


Die Wahrnehmung dessen, was ich als Realität bezeichne, wird im Gehirn konstruiert.

In meiner Welt: Eine Narbe am Körper oder in der Seele bleibt eine Narbe. Meine Wahrnehmung derselben jedoch (und damit der ganze Rattenschwanz an Bedeutungs-, Kontext-, Einordnungs-, Bewertungs- und Aufmerksamkeitsbezügen, etc.) variiert. Die Art und Weise und worauf ich den Fokus meiner Wahrnehmung richte, und welchen Gefühlen ich dabei Raum gebe, kann ich steuern.

Therapie ist unterm Strich eigentlich nichts anderes als die eigene Wahrnehmung neu zu kalibrieren, deren Variationsbreite und -tiefe zu erweitern und der schmerzenden Willkür der Erinnerungen durch Selbstermächtigung Grenzen zu setzen. Selbstermächtigung in diesem Sinne bedeutet, dass du die Macht hast, und dir diese auch (wieder) aneignest, selbst darüber zu bestimmen, welchen Einfluss und welche Bedeutung du deinen Narben zugestehst.

Narben verschwinden nicht. Doch du kannst entscheiden, ob sie nässen, jucken, aufbrechen oder ein eingebundener Teil deiner wunderbaren und einzigartigen Persönlichkeit sind.

Kein Spaziergang. 


Und dann? Wenn das Nein abgeschmettert, überrollt, gnadenlos zerfetzt wurde?

Du trägst es mit dir rum, dieses geschredderte Nein. Ein Leben lang. Es breitet sich aus in dir und letztendlich vergiftet es das Ja zu dir selbst. Wie eine Säure frisst es sich durch all deine kommenden Beziehungen zu anderen Menschen und zersplittert jeden Spiegel. Wie kann man darüber sprechen? Wer spricht denn da? Wer hört zu? Wer hört denn da wem zu? Dünnes Eis auf allen Seiten. Doch einbrechen, verzweifelt strampeln, ertrinken, tust immer nur wieder du.


Meine Erfahrung aus der therapeutischen Arbeit: Die Betroffenen wissen am besten, jede und jeder ganz individuell, was sie wann, wo und wie brauchen und wie sie wollen, dass man ihnen begegnet. Wir müssten ihnen nur zuhören. Geben wir ihnen Zeit, Raum und Aufmerksamkeit, damit sie sich äußern können und richten wir unsere Wegweiser nach ihren Wünschen und Vorstellungen.

Und das nicht nur im privaten oder therapeutischen Umfeld, sondern auch endlich auf gesellschaftspolitischer Ebene. Ich weiß nicht, an wie vielen sogenannten "runden Tischen" ich mit sogenannten Experten schon in meinem Leben saß. Alles für die Katz, denn die, die da eigentlich sitzen müssten, weil sie die einzigen wirklichen Experten zu diesem Thema sind, die hatte man nicht eingeladen. Manchmal könnt ich nur noch kotzen über diesen andauernden Zustand der Ignoranz.


"Zeig mir, wie man schwimmt. Denn du kannst schwimmen. Auch wenn du es vielleicht vergessen hast. Du kannst es. Sonst wärst du nicht hier bei mir."




Emotionaler Missbrauch durch die Eltern gräbt sich tief in die eigene Seele ein und lässt sich nur schwer entwirren. Manche Menschen tragen diese Bürde ihr ganzes Leben lang mit sich herum, wiederholen die selbstverletzenden Muster in eigenen Partnerschaften und geben diese in vielen Fällen an ihre eigenen Kinder weiter.

Emotionaler Missbrauch hat oft ein scheinbar fürsorgliches, liebevolles Gesicht. Versteckt sich hinter einem „Ich tue doch alles für dich.“ und „Ich will doch nur dein Bestes!“. Und doch steckt dahinter immer auch die unausgesprochene Botschaft: „Sei dankbar!“, „Sei brav!“ und „Sei so, wie ich es will und brauche!“. Ansonsten droht Liebesentzug oder gar Bestrafung.

Kinder verwickeln sich, weil sie es nicht anders können und gelernt haben, oft in Schuld und Scham. Sie reagieren mit vorauseilendem Gehorsam, doch in ihnen gärt ein nebliges Wissen um die ihnen zugefügten Ungerechtigkeiten. Es zerreißt sie innerlich und schreddert jeden kleinsten Funken von Selbstgewissheit. 

Die eigenen Bauchgefühle werden zum inneren Feind.

Bindungsunfähigkeit, Nähe – Distanz Problematiken, Abhängigkeitsverhältnisse, mangelndes Selbstbewusstsein, selbstverletzendes Verhalten sind nur einige der möglichen Folgen.

Die natürliche Reaktion auf emotionalen Missbrauch wäre der Zorn. Doch der ist verboten: Durch die Eltern, das soziale Umfeld und später durch sich selbst. Es bleiben die Angst, die Scham und das Schuldgefühl und weben ein festes Netz um jedes mögliche „Nein“, um jeden Gedanken an Unabhängigkeit, um jeden Schritt in das eigene, selbstbestimmte Leben.

Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Aber wir können gemeinsam die alten Muster aufspüren und als Erwachsene dem Schmerz, der Traurigkeit und dem Zorn des Kindes einen sicheren Raum und eine Stimme geben und neue, erwachsene, Verhaltensmuster erarbeiten.

Das ist kein Spaziergang. Jeder Schritt kann wehtun. Es braucht seine Zeit. Hilfreich ist eine kompetente Begleitung auf diesem Weg.


Das ist mein Job.